Muss dein Beruf eine Berufung sein?

Muss dein Beruf eine Berufung sein?

Einen Beruf zu ergreifen, der gleichzeitig eine Berufung ist, wünscht sich wahrscheinlich jeder. Man möchte in seinem Beruf aufgehen, sich verwirklichen können und Freude an seiner Tätigkeit haben. Aber muss dein Job dazu wirklich eine Berufung sein? Musst du unbedingt einen tieferen Sinn darin sehen, dich damit zu 100 Prozent identifizieren oder deinen Beruf sogar zu einer Ideologie erklären?

Ich sage ganz klar: „NEIN“

Einen Beruf auszuüben, der deine Berufung ist, ist toll. Allerdings kann sich das auch negativ auswirken. Denn, wenn wir uns zu 100 Prozent mit unserer Arbeit identifizieren, nimmt sie auch einen großen Platz in unserem Leben ein. Prinzipiell ist das schon ok, aber besonders wenn wir es irgendwann nicht mehr schaffen das berufliche und private zu trennen, wird es problematisch. Du steckst gedanklich in der Arbeit fest und nimmst die Dinge, die täglich in der Arbeit passieren mit nach Hause.

Wird deine Arbeit zu deinem Lebensinhalt, kann auch passieren, dass du deutlich mehr arbeitest, als es gut für dich wäre und du endlose Überstunden anhäufst. Die Zeit, die du mit der Arbeit oder Gedanken daran verbringst, wird also immer mehr. Die Zeit, die du für deine Familie, deine Freunde und vor allem dich selbst hast, wird immer weniger. Die fehlende Work-Life-Balance ist über kurz oder lang ein Problem, denn so gerne du deine Berufung auch ausübst, sie wird dich irgendwann auffressen und auslaugen. Was folgt daraus?

  • Erschöpfung, weil du irgendwann nicht mehr kannst.
  • Unzufriedenheit, weil du dein Arbeitspensum nicht mehr schaffst.
  • Schulgefühle, weil du deine Familie und Freunde vernachlässigst.

Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass ein Beruf wirklich keine Berufung sein muss, um dich glücklich zu machen. Es braucht dafür keinen tieferen Sinn. Daher möchte ich dir nun zeigen, was bei deinem Beruf erfüllt sein muss, damit dich deine Arbeit glücklich macht, ohne dich kaputt zu machen.

Arbeit bleibt Arbeit

Ehrlich gesagt, Arbeit ist und bleibt Arbeit. Nicht mehr und nicht weniger. Punkt. Wir arbeiten, um ein Dach über dem Kopf zu haben und am Abend etwas auf dem Tisch. Wir arbeiten, um uns das Leben leisten und unsere Familie versorgen zu können. Alles Weitere ist – entschuldige, wenn ich so direkt bin – Luxus! Home Office, Kantine und flexible Arbeitszeiten, das ist Luxus. Wirklich wichtig sind eine sichere Arbeit, eine pünktliche und anständige Bezahlung und Kündigungsschutz. Bevor du dich also um den Luxus kümmert, überlege was dir bei einem Beruf oder einer Arbeitsstelle was dir wirklich wichtig ist.

Für mich ist es beispielsweise Luxus, zu wissen, dass meine Arbeit problemlos meine Ausgaben deckt. Für mich ist es Luxus keinen Zweitjob zu brauchen, dem ich nach meiner Arbeit nachgehe. Es ist Luxus fest angestellt zu sein und zu wissen, dass ich auch in Krisenzeiten nicht so schnell auf der Straße stehe. Zuletzt ist es für mich Luxus, den Kugelschreiber fallen lassen zu dürfen, wenn ich mit meiner Arbeit fertig bin. Ich genieße es, mich auf den Feierabend zu freuen, auf die Wochenenden, die Feiertage und den Urlaub. Denn die Zeit nach der Arbeit ist meine: Meine Zeit, in der ich entscheide, was ich tun möchte.

Was macht deinen Beruf FÜR DICH zum Luxus?

Wertschätzung

Die Wertschätzung anderer gibt dem eigenen Beruf mehr Sinn. (Und ja, auch das ist Luxus). Da sich die berufliche Wertschätzung jedoch unterschiedlich zeigen kann, möchte ich hier zwischen der gesellschaftlichen, der monetären und der persönlichen Wertschätzung unterscheiden.

Verschiedene Berufsgruppen werden gesellschaftlich unterschiedlich wertgeschätzt. Während Ärzte beispielsweise eine hohe Reputation haben, sieht das bei Reinigungspersonal meist anders aus. Auch die Bezahlung, also die monetäre Wertschätzung, die man für eine bestimmte Arbeit erhält, ist von Beruf zu Beruf verschieden. Schaut man sich das Beispiel von Arzt und Reinigungskraft an, zeigt sich, dass hoch geschätzte Berufe auch meist besser bezahlt werden.

Natürlich ist mir klar, dass Ärzte eine längere Ausbildungszeit haben und in ihrem Job viel Verantwortung tragen müssen – darum geht es jetzt auch nicht! Es geht darum, wie die Menschen reagieren, wenn man ihnen von seinem Beruf erzählt und um die Bestätigung und Wertschätzung, die man erfährt. Und da gibt es definitiv Unterschiede.

Jüngst konnten wir jedoch erkennen, dass die beiden Arten der Wertschätzung nicht immer zusammenpassen… ich hoffe ihr nehmt mir die kleine Gesellschaftskritik an dieser Stelle nicht übel… aber Pflegekräfte (nur) zu Corona-Zeiten zu beklatschen und miserabel zu bezahlen, ist schon irgendwie zynisch. Der Job war schon vor Covid-19 wichtig, Wertschätzung und gute Bezahlung waren aber selten. Aber ich schweife ab…

Natürlich sind die gesellschaftliche und monetäre Wertschätzung der eigenen Arbeit wichtig. Ich denke jedoch, dass die persönliche Wertschätzung viel wichtiger ist, um mit dem eigenen Beruf glücklich zu werden. Mit persönlicher Wertschätzung meine ich die Wertschätzung der eigenen Person durch die Kollegen und Vorgesetzten. Denn nur, wenn die eigenen Fähigkeiten und die Arbeitsleistung anerkannt und gewürdigt werden, fühlen wir uns bestätigt und gebraucht. Diese Wertschätzung ist es, die uns zufrieden macht. Sie gibt unserem Tun einen Sinn und sorgt dafür, dass wir uns wohl fühlen.

Wer schätzt DICH in deinem Beruf?

Weiterentwicklung

Der letzte Aspekt, der unseren Beruf mit Sinn erfüllt, ist die Weiterentwicklung. (Und ja, wieder Luxus. Aber wichtiger Luxus). Für mich gibt es kaum etwas Erfüllenderes, als etwas Neues zu lernen. Tatsächlich ist Weiterentwicklung aber viel mehr als Lernen. Sie bedeutet, dass wir nicht auf einer Stelle stehen bleiben und stupide 20 Jahre lang das Gleiche tun, sondern unsere Fähigkeiten entfalten können.

Weiterentwicklung heißt, dass wir in unserem Beruf dabei unterstützt werden, uns neuen Herausforderungen zu stellen und Ziele zu erreichen. Das kann durch eine Beförderung sein, durch die Verantwortung für ein spannendes Projekt oder eine neue Aufgabe. Wachsen und sich verändern zu dürfen, das ist Weiterentwicklung. Wenn ein Beruf dir diese Möglichkeit bietet, dann wird er für dich auch langfristig einen Sinn haben.

Hast DU Möglichkeiten dich weiterzuentwickeln?

Um glücklich zu sein und deinem Tun einen Sinn zu geben, solltest du dich fragen, was du von deinem Beruf erwartest und wie du dein Leben gestalten möchtest.

Zuletzt ist es wichtig, dass du folgendes weißt:

Du bist als Mensch viel viel mehr, als der Beruf, den du ausübst.

Und auch aus diesem Grund muss dein Beruf nicht deine Berufung sein.

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